Meda Mildenberger 11

Das Charlies ist meine Stammkneipe. Es ist eine Café Bar, wie man sie aus Italien kennt. Tagsüber Café, abends Bar. Charlie ist Italiener, wie man schon am Namen unschwer erkennt. Wir kennen uns seit zehn Jahren, solange lebe ich hier schon im Viertel. In einer langen, denkwürdigen Nacht mit einigen Gin Tonics und ein paar Zwischenbieren stellten wir fest, dass wir einen Tag versetzt Geburtstag haben und versprachen uns feierlich uns fortan zur Seite zu stehen bis wir grau und alt werden und noch darüber hinaus. So ist das mit Charlie.

Er hat mich schon in allen möglichen Stimmungen erlebt, auch in den allermiesesten. Immer aber fühle ich mich zu Hause dort, wenn ich mich sonst nirgends zu Hause fühle.

Bei Charlies ist kaum was los. Die absoluten Nachtschwärmer, die noch um zwei auf einen Absacker kommen sind noch nicht da, die Leute, die morgens früh rausmüssen schon weg. Schmitti, der Dauerstammgast sitzt an seinem gewohnten Platz. Er gehört zum Inventar.

Er nickt mir zu, ich nicke ihm zu und bestelle einen Martini.

„Wie war dein Tag?“ Charlie stellt das Glas vor mich.

„Geht so“, sage ich. „Komisch.“

Er wartet ab, die Hände auf die Theke gestützt, neugierig, ob ich weiter erzähle.

Natürlich tue ich das und das weiß er.

„Ein seltsames Essen mit seltsamen Leuten. Irgendwie gar nicht meins.“ Ich nippe an meinem Martini.

„Die Welt ist voller seltsamer Leute“, mischt sich Schmitti ein, ohne von seinem Glas Bier aufzusehen. Unter seinem speckigen Hut quellen graue Locken, um die ihn die ein oder andere Frau sicher beneidet.

Ich nicke zustimmend, nehme noch einen Schluck.

„Ein Typ?“, fragt Charlie.

„Ja, auch mit einem Typ, waren seine Freunde. Aber naja. Du brauchst gar nicht eifersüchtig zu werden.“ Ich grinse ihn frech an.

Er lächelt.

„Die sind anders sozialisiert. So ganz anders. Von denen ist die Welt voll. Da ist nichts mehr für uns übrig. Die ganzen Yuppies und die ganzen Spießer! Charlie, noch einen Amaro und für die Dame hier gleich mit.“ Er sieht mich an und nickt.

Auch, wenn er oft etwas weggetreten ist, so ist er doch immer sehr höflich und ein durchaus heller Typ.

„Danke“, sage ich artig, trinke den Martini leer und ziehe das Glas Amaro zu mir. Ich proste Schmitti höflich zu und sehe ihm an, dass er gleich einen philosophischen Diskurs beginnen wird. Über Neurreiche, Profitler und Politiker. Meistens in dieser Reihenfolge.

„Kommst du mit vor die Tür eine rauchen?“, rettet mich Charlie.

Ich nicke erleichtert und lächle Schmitti entschuldigend zu. Er macht eine wegwerfende Bewegung und murmelt etwas, während er sich wieder seinem Glas zuwendet und seine Stimme erhebt. „Wenn ich die schon sehe, die Tanten in ihren SUVs mit ihren beigenfarbenen Pudelmützen. Verhungert und bescheuert sehen die aus. Letztens hat mich fast so einer umgefahren, so ein SUV, ich konnte nur den Bommel der bescheuerten Mütze sehen. So eine braucht doch ein Kissen unterm Arsch.“

Ich muss lächeln, doch das kann Schmitti nicht sehen. Die Tür klappt zu und draußen hört man nichts, außer den spätabendlichen Verkehr auf der Bellheimer.

Charlie zündet sich zwei Zigaretten auf einmal an und gibt mir eine. Die Tür fliegt auf und Schmitti läuft eilig an uns vorbei, als hätte er einen Termin vergessen. Wir rauchen schweigend. Plötzlich bin ich traurig.

„Magst du noch einen Tee?“, fragt Charlie.

Auch, wenn mir die Frage erst daneben vorkommt, finde ich die Idee gut und nicke.

Wir sind alleine. Charlie macht mir den Tee und schiebt ihn vor mich, dann räumt er Schmittis Gläser und meine zusammen und guckt mir beim Teetrinken zu.

„Ist heiß“, murmle ich und „Ich geh dann gleich.“

„Kein Stress“, sagt er nur und beginnt die Gläser zu spülen.

Charlie und ich umkreisen uns wie zwei Planeten, die ihre feste Umlaufbahn nicht verlassen. Manchmal sind wir uns nahe, dann wieder weit entfernt. Doch ich weiß immer, dass er da ist. Charlie in seiner Café Bar. Ich nehme einen Schluck von dem noch heißen, aber schon trinkbaren Tee und denke über den Tod nach. Das mache ich öfters. Es kommt einfach so, von alleine. Durch den Alkohol allerdings heftig und ich wische mir verschämt über die Augen. Charlie sieht mich an und in einem anderen Moment hätte ich ihn flapsig gefragt, was er so guckt. Doch der Moment ist anders. Dann ist die Tasse leer. Der Geruch von Rosmarin, Zigarette und Seife, der Charlie immer umgibt, steigt mir in die Nase.

„Na dann, ich geh dann jetzt …“, murmle ich, will aber eigentlich nicht. Er legt seine Hand in meine Armbeuge.

„Bleib.“

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