
Fatma
Prolog
Ungarn, Segzed 2005.
Sie riss die Arme hoch. Sie hatte es geschafft! Aus den Lautsprechern ertönte die Ansage: Fatma Ayküz, Weltmeisterin im Kickboxen. Sie tauschte den obligatorischen Handschlag mit ihrer russischen Gegnerin aus, als sie auch schon von jemanden gepackt, auf eine Schulter gehoben und umhergetragen wurde. Ein anderer drückte ihr die deutsche und die türkische Flagge in die Hand. Als sie wieder auf ihren Füßen stand und unzählige Hände schüttelte, stieg ein Lachen in ihr auf.
Es war nicht das erste Mal, dass sie an der Weltmeisterschaft im Kickboxen teilgenommen hatte, aber es war das erste Mal, dass sie als die Siegerin daraus hervorgegangen war. Das Glücksgefühl, das sie durchströmte, war unbeschreiblich. Es war so gewaltig, dass sie sich wie in Trance fühlte, als stünde sie neben sich. Fatma konnte es selbst noch nicht vollständig begreifen.
Erst als der russische Trainer vor ihr stand und seine Glückwünsche und Wertschätzung ausdrückte, die von einer befreundeten Kämpferin übersetzt wurden, konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Du hast es dir wirklich verdient, schon lange!“, sagte er. Diese Worte waren das größte Lob.
Stuttgart, 2008
Kapitel 1
Das Telefon schrillte und riss Fatma aus ihren Gedanken. Hektisch zog sie die Espressomaschine vom Herd, die gerade anfing zu fauchen, und holte das Telefon aus dem Flur, schloss eilig die Tür und fragte sich, wer so früh anrufen würde. „Ja?“, fragte sie gepresst. Zunächst war nur Rauschen zu hören, dann die laute Stimme eines Mannes.
„Fatma, bist du das? Hier ist Ali, Onkel Ali. Aus der Türkei“, fügte er hinzu, als ob er nicht sicher wäre, ob Fatma wüsste wer er war.
Sie sah das Gesicht des Bruders ihres Vaters vor sich.
„Ja, Onkel, ich versteh dich gut“, sagte sie endlich mit gerunzelter Stirn. Seit Jahren hatte sie weder von ihm noch von irgendwelchen anderen Verwandten in der Türkei oder Deutschland gehört. Sie wusste nur, dass ihr Vater vor einem Jahr in sein Heimatdorf zurückgekehrt war. Da war der eh schon spärliche Kontakt abgerissen. Das bedeutete sicherlich nichts Gutes.
„Komm Fatma, schnell, dein Vater fragt nach dir,“ hörte sie ihren Onkel.
Sie schüttelte den Kopf, unfähig etwas zu sagen. Ihre Knie wurden weich.
Was er noch sagte, konnte sie nicht verstehen, nur noch: „Er hat nicht mehr viel Zeit, bitte komm …“, dann riss die Verbindung ab.
Wie vor den Kopf geschlagen stand sie mit dem Hörer in der Hand, stützte sich auf der kleinen Tischplatte ab und sah nach draußen in den beginnenden Tag, ohne etwas zu sehen.
Lukas kam mit verstrubbelten Haaren verschlafen herein. „Was ist denn los?“, fragte er mit belegter Stimme. „Fatma?“, hakte er nach, als sie nicht gleich antwortete.
Sie blickte noch immer aus dem Fenster. Dann sah sie ihn an und setzte sich. „Ach.“ Sie zuckte mit den Achseln.
„Ist was passiert? Ich meine, wer ruft denn hier so früh an?“ Er setzte sich und griff nach ihrer Hand.
„Meine Familie ist passiert.“ Sie schob seine Hand zur Seite. In diesem Moment wäre sie lieber allein gewesen. Sie nahm noch einen Schluck aus der Tasse und verzog das Gesicht. Der Espresso war fast kalt.
„Was denn? Ist jemand gestorben?“ Lukas sah sie aufmerksam an.
„Nein, aber meinem Vater geht es schlecht. Das war sein Bruder.“ Sie seufzte leise auf. „Die letzten Jahre wollte keiner von ihnen etwas von mir wissen. Und jetzt? Soll ich kommen, weil er nach mir gefragt hat.“ Sie stand auf, ging ein paar Schritte hin und her und blieb dann wieder vor dem Fenster stehen. Warum hatte ihre Mutter sie nicht angerufen, sondern es ihrem Onkel überlassen, sie zu benachrichtigen?
„Aber Fatma. Er wird nicht umsonst nach dir gefragt haben.“
„Das weiß ich doch auch …“ Sie spürte Tränen in ihre Augen steigen. Dann richtete sie sich auf. „Ich kann doch nicht einfach so weg. Yasemin muss zur Schule. Und da sind da noch meine Arbeit und das Training.“ Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust.
Yasemin musste auch heute zur Schule und sie selbst musste sich ebenfalls fertigmachen für die Arbeit. Sie stand energisch auf und hob die Augenbrauen. „Das kenn ich gut von früher … und das Spiel mach ich nicht mehr mit.“
Sein betroffenes Gesicht ließ Wut in ihr aufwallen. Was wusste er schon? Nichts! Vor ihrem geistigen Augen sah den betrunkenen Vater vor sich, der sie anschrie. Sah die verschlossene Tür der Eltern, die sie von einem auf den anderen Tag alleine mit ihrer kleinen Tochter hatten stehen lassen. Und das, weil sie sich von ihrem Mann, den sie hatte heiraten müssen, getrennt hatte. Alle Verwandten hatte die Mutter angewiesen, den Kontakt zu ihr abzubrechen. Ihre Tochter sei ein schlechter Einfluss. Selbst ihre Cousine legte sofort auf, wenn Fatma versucht hatte anzurufen.
Zwanzig Minuten später stand sie mit nassen Haaren vorm Badezimmerspiegel und legte Make-up auf. Dezent, jedoch nötig an diesem Tag, der so seltsam begonnen hatte. Dass ihre Mutter sie nicht angerufen hatte, ließ sie den Kopf schütteln. Sie lebte weiterhin in Stuttgart, verbrachte aber immer wieder Monate in der Türkei oder war sie doch ganz umgezogen? Sie wusste es einfach nicht und ehrlich gesagt interessierte sie es auch nicht. Dennoch schmerzte es sie, dass die Mutter sie anscheinend wieder ausschloss. Hätte sie ihr überhaupt Bescheid gesagt? Sie seufzte und lächelte ihrer Tochter über den Spiegel an.
„Du bist schön“, sagte Yasemin und sah mit ihren großen Augen zu ihr auf. Ihre dunklen Haare umrahmten ihr schmales Gesicht. „Mama, kann ich bitte die Spange haben.“ Yasemin deutete auf das Brett unterhalb des Spiegels, auf dem eine mit rosa Stoffblumen verzierte Haarspange lag. Fatma reichte sie ihr. Dann sah sie noch einmal in den Spiegel und prüfte ein letztes Mal ihr Make-Up. Ihre dunklen Augen wurden durch den Lidschatten betont, der hellrosa Lippenstift verlieh ihr ein frisches Aussehen. Sie war zufrieden mit dem Ergebnis. Dann bürstete sie die leicht feuchten Haare nochmal durch, der Rest musste auf dem Weg trocknen.
„Los, zieh dich bitte fertig an und geh in die Küche dein Pausenbrot einpacken, ja?“ Sie verabschiedete sich von Lukas, der sie fest in seine Arme schloss. „Bis in drei Tagen dann“, sagte er und küsste sie.
„Bis dann, mach’s gut.“
„Du auch, Fatma.“ Er lächelte sie an.
In der Aufregung hatte sie vergessen, dass er für ein paar Tage unterwegs sein würde.
Nachdem sie ihre Tochter zu Fuß zur Schule gebracht hatte, machte sie sich auf den Weg zur Arbeit. Zügig ging sie die Straßen entlang und dachte dabei an den Traum der letzten Nacht. Sie war über ein Feld gerannt, war gestrauchelt und wieder aufgestanden, ehe sie in die Ruine eines abgebrannten Hauses gelaufen war. Dieser Traum war schon länger ihr Begleiter und immer war sie darin verfolgt worden, auch dieses Mal. Nur konnte sie niemals erkennen, von wem. Alles, was sie wusste war, dass sie fliehen musste, um zu überleben. Denn da war ständig das instinktive Gefühl einer drohenden Gefahr, vor der sie sich in Sicherheit bringen musste und die ihr Herz hart gegen ihren Brustkorb schlagen ließ.
Der Vormittag im Büro verging wie im Flug.
„Und?“, Bettina trank einen Schluck aus ihrem Pappbecher. Kauend hielt sie ihr eine Plastikbox mit Käsebrötchen hin. Es war Mittag und Fatma war kurzentschlossen mit ihrer Kollegin und Freundin in den Park gegangen, um ihre Pause bei Sonnenschein im Grünen zu verbringen.
„Alles okay bei dir?“ Bettina sah ihre Freundin prüfend von der Seite an und nickte lächelnd, als Fatma sich eins der Brötchen nahm. Sie strich sich ihre blonden Locken aus dem Gesicht und sah sie weiterhin abwartend an.
„Hm.“ Fatma kaute und schüttelte den Kopf. Mit vollem Mund wollte sie nicht sprechen und war ganz froh darum, erst einmal nichts sagen zu müssen.
„Was meinst du mit hm? Jetzt rück´schon raus mit der Sprache. Du kannst mir nichts vormachen Ich habe schon den ganzen Morgen das Gefühl, dass mit dir irgendwas nicht stimmt.“ Der Frau entging so leicht nichts.
Fatma kaute und spülte mit einem Schluck lauwarmen Kaffee nach. „Ich habe heute früh einen Anruf von meinem Onkel bekommen. Aus der Türkei.“
„Und?“ Bettina blickte sie erwartungsvoll an und hob die Hände.
„Meinem Vater geht es schlecht und fragt nach mir.“
„Oh, das tut mir echt leid, Fatma. Hast du darüber schon mit Burger gesprochen?“
„Wieso sollte ich das tun?“
„Na, du musst doch Urlaub nehmen, oder nicht?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß noch gar nicht, ob ich da hin will.“
„Meinst du wirklich, dass es da noch etwas zu überlegen gibt? Wenn er krank ist und dein Onkel dich anruft, weil dein Vater nach dir gefragt hat, ist es wohl nicht nur eine Erkältung, oder?“
„Nein … er hat wohl nicht mehr lange zu leben“, sagte Fatma leise und drückte ihre Hand auf den Magen, in dem sich ein ziehender Schmerz breitmachte.
„Ja, aber dann ist es doch klar. Du musst dorthin.“ Bettina blies in ihren Kaffeebecher.
„Muss ich das wirklich? Nach alledem, was war?“ Den letzten Satz sagte sie leise und starrte in den Park.
„Fatma, du solltest fahren. Sonst bereust du es hinterher vielleicht, dass du ihn nicht noch einmal gesehen hast.“
„Nichts für ungut, Bettina, aber ich denke, du hast keine Ahnung.“ Sie holte Luft, stand auf und ging in Richtung Gebäude, um nach ein paar Metern stehen zu bleiben. „Bettina, ich -“, setzte sie zu einer Entschuldigung an, nachdem ihre Freundin ihr mit schnellen Schritten gefolgt war. „Es tut mir leid.“
Bettina winkte ab. „Ist schon in Ordnung. Ich weiß ja, dass das ein schwieriges Thema für dich ist. Ich bin dir nicht böse.“
Fatma lächelte sie dankbar an. Bettina kannte ihre Geschichte nur zum Teil, wusste aber, dass Fatmas Verhältnis zu ihrer Familie nicht das beste war.
Kati tänzelte vor ihr mit erhobenen Fäusten und setzte zum Schlag an. Fatma wehrte zu langsam ab und konnte sich erst im letzten Moment ducken. Sie spürte den Schlag an ihrem Scheitel. Jetzt war sie immerhin war wieder voll da: Trainingshalle, Ring, Kati.
„Was ist los mit dir?“ Kati senkte die Arme.
Fatma zog ihre Handschuhe aus und zuckte mit den Achseln. Seit einer Stunde trainierten sie und sie konnte sich einfach nicht konzentrieren.
Im Ring nebenan kämpften zwei Männer lautstark gegeneinander.
„Kein guter Tag. Lass uns aufhören.“ Auf dem enttäuschten Gesicht Katis machte sich nach einem Augenblick ein Lächeln breit. „Also gut, lassen wir es für heute, aber du musst mir sagen, was los ist.“ Sie duschten schweigend und zogen sich an.
Eine Stunde später saßen sie in Fatmas Küche. Aus dem kleinen Wohnzimmer nebenan war die Kindersendung zu hören, die sich Yasemin jeden Abend ansah. Fatma füllte Katis Teeglas.
„Also, was ist los? Spann mich doch nicht so auf die Folter.“
Weder beim Duschen, noch auf der kurzen Heimfahrt hatte Fatma mit der Sprache rausrücken wollen, doch Kati hatte sie in Ruhe gelassen. Das genau war es, was Fatma an ihr schätzte. Sie drängte sie nicht, aber sie ließ sie auch nicht davonkommen.
Jetzt beugte sich Kati über den Tisch und suchte ihren Blick. „Ist er dir wieder auf die Nerven gegangen?“ Sie meinte damit Fatmas Exfreund, der zwar nicht mehr im selben Verein trainierte, aber als Koryphäe seines Fachs immer wieder auftauchte. Seit er von Fatmas neuer Beziehung wusste, herrschte Krieg.
„Nein, nein, diesmal ist nicht er der Grund …“, sagte Fatma, nachdem sie Kati einen Moment lang verwirrt angesehen hatte.
In knappen Worten fasste sie zusammen, was sie am Morgen erfahren hatte.
„Es geht ihm so schlecht?“
„Anscheinend.“ Ihre Stimme war belegt. Sie wischte sich über die Augen. Kati war die Einzige, der sie ihre ganze Geschichte anvertraut hatte.
„Was wirst du tun?“ Kati stützte das Kinn in die Hand und sah sie aufmerksam an.
„Keine Ahnung. Mein erster Impuls war: Nein, auf keinen Fall. Aber dann …“
Kati stieß geräuschvoll die Luft aus. „Fatma, fahr da hin. Es könnte sonst sein, das du es den Rest deines Lebens bereust.“
Fatma schwieg und sah aus dem dunklen Fenster.
„Außerdem …“, begann Kati leise.
„Außerdem was?“ Sie erschrak selbst über ihren harschen Ton.
„Zeig ihnen allen, was aus dir geworden ist. Du hast allen Grund stolz auf dich zu sein“, sagte Kati unbeirrt.
„Ach. Was ist denn aus mir geworden? Das alles zählt nicht für die.“
„Aber für dich. Und darauf kommt es an.“
„Ich weiß überhaupt noch nicht, wie das alles funktionieren soll … Yasemin …“
„Ja doch, Fatma, jetzt schieb nicht Yasemin vor. Um Yasemin werde ich mich kümmern. Lisa und sie sind doch sowieso am liebsten die ganze Zeit zusammen, da kann sie doch für die Tage bei uns wohnen.“
Sie saßen sich noch eine Weile schweigend zusammen. Tausend Gedanken schossen Fatma durch den Kopf. Vielleicht war jetzt die Chance gekommen, mit dem schmerzlichsten Abschnitt ihres Lebens abzuschließen. Sie würde Abschied nehmen. Sie würde fahren. Auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte.
„Ich muss drüber schlafen“, sagte sie bestimmt.
Kati kannte sie gut genug, um zu wissen, dass Fatma nicht mehr darüber reden wollte. Nicht an diesem Abend. „Also, ich lass dich jetzt mal. Ich muss heute noch so einiges erledigen“, sagte sie und stand auf. Fatma begleitete sie zur Tür und sah Kati im Treppenhaus nach.
In der Küche begann sie, das Abendessen zuzubereiten. Yasemin half Karotten schälen und schnitt sie mit ihrem eigenen kleinen Messer klein. Fröhlich erzählte sie von ihrem Tag. Interessiert hörte Fatma ihrer Tochter zu, gab ihr kleine Hilfestellungen und vertiefte sich in die notwendigen Handgriffe. Nach und nach wurde sie ruhiger, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder zum Telefonat am Morgen.
Das Essen verlief friedlich und Fatma begann zum ersten Mal von ihren Sommern im Dorf in der Türkei zu erzählen. Mit großen Augen hörte Yasemin zu. Nachdem ihre Tochter eingeschlafen war, fiel Fatma müde in den Sessel. Nachdenklich ließ sie den Tag noch einmal Revue passieren und hoffte, dass sie morgen wissen würde, wie es weiterging. Sie schlief unruhig in dieser Nacht und träumte wirr.
Gerädert wachte sie am nächsten Morgen auf und hatte noch immer keine Ahnung, ob sie fahren sollte oder nicht.
Sie war froh, an diesem Morgen allein zu sein. Ein warmes Gefühl durchströmte sie, als sie an Lukas dachte und sie lächelte. Vor kurzem hatte er sie gefragt, ob sie nicht zusammenziehen wollten.


