Genug Heimat

Genug Heimat

„Na, Marianne, mal wieder in der Heimat?“ fragt Frau Förster, klitzeklein und weißhaarig, mit ihrem Gehfrei vor dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Zumindest größtenteils. Jetzt ist mein Vater tot. Wir sprachen nicht mehr miteinander, seit langem. Seit wann eigentlich? Die Nachricht seines Todes erreichte mich während einer Besprechung und ließ mich bedenklich unberührt. Ich wartete auf ein Gefühl, doch vergeblich.
„Viel zu jung ist er gestorben“, sagt sie und nickt zum Haus hin. War sie immer schon so klein, frage ich mich. Im Gegensatz zu ihr ist mein Vater tatsächlich jung gestorben – mit 72.

Der Schlüssel brennt in meiner Hand, das Haus wirkt leer, vergangen, obwohl alle Möbel da sind. Der vertraute Geruch hängt zart in der Luft. Auf dem Küchentisch stapelt sich Post. Ich stelle das Wasser an, suche nach Traurigkeit. Nichts. Ich befülle die Kaffeemaschine, als hätte ich es gestern getan. Alles am Platz, seit Jahrzehnten. In meinem Kopf dröhnt „God save the Queen“ von den Sex Pistols und wechselt zu „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit“.
Ich durchstreife das Haus, in der Hand die Kaffeetasse. In meinem Kinderzimmer steht ein Bügelbrett und kein Bett mehr. Der alte Schreibtisch mit Aufklebern ist das Einzige, das mich noch an mich erinnert. Als ich mit Mama auszog, war ich 14. Ich trauerte ihm nie nach. Er glänzte entweder durch Abwesenheit oder durch cholerische Gewalttätigkeit, meist alkoholisiert.

Morgen wird die Verwandtschaft anreisen. Ich frage mich, welches Pferd mich geritten hat, früher zu kommen. Sid Vicious schreit in meinem Kopf. Ich denke über das Wort „Heimat“ nach und gehe in den verwilderten Garten, einst Herzstück meiner Mutter, die „Marie-Anne“ französisch aussprach– sie stammte aus dem Elsass. Woraus im odenwälder Dorf freilich Marianne wurde. Vereinzelte Astern in der zugekrauteten Rabatte. Zwei Metallpfosten zwischen denen eine Wäscheschnur spannt, an der schon lange keine Wäsche mehr hing.

Home is where your heart is. Was ein Bullshit.
Die Sex Pistols räumen die Bühne für die Dead Kennedys und performen „Moon over Marin“.

„Frag nochmal nach in der Krone, ob alles klar ist wegen morgen.“ Eine Textnachricht meines Bruders. Ich gehe durch die hässliche Hauptstraße zur einzigen Wirtschaft im Dorf.

Für „Heimat“ bin ich zu spät geboren. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass alles, was im Leben meiner Eltern und Geschwister Bedeutung hatte, schon vorbei war. Mir wurde davon in bunten Farben erzählt, so oft, dass ich glaubte, dabei gewesen zu sein. Doch das waren nur die gelbstichigen Fotos, auf denen ich zwar manchmal schon zu sehen war, aber zu klein für Erinnerungen. Nachzüglerin, die ich war, fühle ich mir immer wie jemand, der zu spät auf eine Party kommt – das Buffet leer, die Gäste betrunken. Ich habe das Außenseitersein schätzen gelernt. Es eröffnet Perspektiven. An guten Tagen jedenfalls.

Wenn mein Großvater von „Heimat“ sprach, dann war das sein „Kirschenbuckel“, ein Obstgrundstück am Berg, von seinem Vater geerbt. Im Krieg durch halb Europa gereist worden, hatte „Heimat“ wohl Bedeutung für ihn: Heimkommen, Sichersein.

Home is where your heart is.

Ich sehe das Wort „Heimat“ in altdeutscher Schrift vor mir – mit Beigeschmack von „rechts“, von eitlem Patriotismus. Ich steige die Stufen aus Granit zur Wirtschaft hinauf.
Dann rieche ich altes Pommesfett und kalten Rauch. Solche Wirtschaften sind alle gleich: dunkle Holzvertäfelung, rustikale Möbel, Stammtischschild, geschmiedet vom örtlichen Schlosser. Drei Trinker sitzen dort, schweigend. Vielleicht ist das ihre Heimat?
Wenn ich an Heimat denke, fühle ich nichts, sehe selbstgerechte, gleichsam wachsame Wirtinnen hinter der Theke: sie haben alles gesehen und wissen noch mehr. Diese hier poliert ein Glas mit undurchdringlicher Miene.
Ist „Heimat“ ein Begriff der Menschen, die ihre verloren haben und der Rechten?
Die einen, weil sie ihr Land ihrer Vorfahren verlassen mussten, die anderen, weil sie sich nach etwas sehnen, das sie nie hatten und nun gegen Fremde verteidigen, weil sonst nichts ist.
Reminder: Die gesamte Weltgeschichte ist eine Migrationsgeschichte.

Ich bestelle ein Bier und setze mich weit weg vom Stammtisch und spüre neugierige Blicke.
Die Wirtin stellt mir mein Bier hin. „Möchten Sie was essen?“
Habe ich diesen rauen Zungenschlag vermisst?

„Ich soll fragen, ob alles klar ist wegen morgen…“, sage ich und komme mir vor, wie eine beauftragte Schülerin.
„14 Uhr is die Beerdischung, ja? Dann also 15 Uhr?“ Sie weiß sofort, worum es geht.
Ich nicke. Trinke einen Schluck und frage mich, warum ich ein Bier bestellt habe – um fünf. „Kein Bier vor vier“, immerhin. Ich ärgere mich über diesen dummen Gedanken.

Später atme ich die kalte Luft und biege in den Feldweg ein. Erinnerungen fluten mich: Ich sehe mich als Kind inmitten von Nachbarskindern über das Stoppelfeld rennen. Die abgeernteten Felder riechen nach Erde und Herbst. Kartoffelkrautfeuer weht mir in die Nase. Das Laub leuchtet bunt gegen den grauen Himmel. Sattdunkelgrüne Wiesen. Ich beginne zu laufen und der Lärm in meinem Kopf verstummt.
Ich wehre mich nicht mehr gegen die Erinnerungen, lasse sie einfach da sein und mitrennen. Am Aussichtspunkt setze ich mich auf die Bank, rauche eine Zigarette und betrachte den Nebel, der aus dem Tal heraufzieht. Höre den Ruf eines Bussards, das solitäre Zwitschern eines Rotkehlchens und betrachte die frisch umgepflügten Furchen des Ackers.
Genug Heimat für mich. „Where is my mind?“ singen die Pixies in meinem Kopf.

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