Schreibupdate

Schreiben … hat immer mit dir selbst zu tun
Aktuell überarbeite ich meinen Roman. Zu den beiden historischen Strängen, die 1933/34 im Odenwald und 1944/45 in den USA spielen, ist eine dritte Ebene in der Gegenwart hinzugekommen. Im Mittelpunkt stehen Frauen.
Der erste historische Teil ist inspiriert von meiner eigenen Familiengeschichte
Schon während des Schreibens an den historischen Teilen wurde mir klar, wie sehr mich die Geschichte der Frauen im vergangenen Jahrhundert bewegt. Vielleicht auch deshalb, weil besonders der erste Teil an meine eigene Familiengeschichte anknüpft – an das, was ich von ihr noch herausfinden konnte. Und an das, was verloren gegangen ist.
Die Protagonistin Anna ist inspiriert von meiner Grosstante, von der ich erst sehr spät erfuhr. Dass mein Grossvater eine Schwester gehabt hatte, erzählte er erst, als er im Sterben lag – im Jahr 2000. Bettlägerig, aber geistig klar, sagte er, dass er Anna nun bald sehen werde. Ich war irritiert und fragte meine Mutter. Viel wusste sie nicht. Nur, dass Anna seine Schwester gewesen war und bei dem Versuch, nach Amerika auszuwandern, auf Ellis Island an Tuberkulose gestorben sei. Sie war gegangen, weil sie den Mann, den sie liebte, nicht hatte heiraten konnen – er war evangelisch.
Jahre später, als eine Reise in die USA anstand, erinnerte ich mich wieder daran und begann zu recherchieren. Ich kam nicht weit. Es gab sie, Anna. Aber ich konnte niemanden mehr fragen, wann genau sie ausgereist war, von wo und mit wem. Vielleicht hatte sie den Mann doch geheiratet und war nicht mehr unter ihrem Mädchennamen zu finden. Irgendwann gab ich auf.
Und doch blieb sie.
Sie blieb als Frage. Als Leerstelle. Vielleicht auch als Zumutung. Irgendwann – es muss 2020 gewesen sein – beschloss ich, zu schreiben. Das, was ich nicht mehr herausfinden konnte, mit Fiktion zu füllen. So entstand der erste Teil meines Romans. Meine Protagonistin stirbt nicht. Sie überlebt die Krankheit und beginnt ein neues Leben in New York. Eine junge Frau, die gegen alle Widerstande ihren Traum verwirklicht und Ärztin wird. Sie hat alles hinter sich gelassen und keinen Kontakt mehr zu dem kriegszerütteten Deutschland. Sie glaubt, sich entscheiden zu müssen: zwischen einem gesellschaftskonformen Frauenleben und der Möglichkeit zu lieben, eine Beziehung einzugehen oder gar eine Familie zu gründen. Bis sie erkennt, dass sie sich damit selbst verleugnet.
Was, wenn es dieses Entweder-oder gar nicht gibt?
Die Frage nach transgenerativen Mustern
Diese Frage zieht sich für mich durch Generationen. Sie führt mich nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch mitten in die Gegenwart. Was hat sich eigentlich verändert im Bild der Frau? In unseren Vorstellungen von Mutterschaft, Liebe, Selbstbestimmung? Es ist ein Thema, mit dem ich selbst durchaus nicht fertig bin.
Tradierte Glaubenssätze, ungefragt übernommen, wirken weiter. Auch dann, wenn wir sie längst für überholt halten. Laura, die Hauptfigur der Gegenwartsebene, leidet darunter. Ihre Mutter Ida, inzwischen alt, trägt offenbar ein düsteres, verschwiegenes Kapitel mit sich. Sie hat sich ganz der Rolle als Ehefrau und Mutter verschrieben – und ihrer Tochter zum Vorwurf gemacht, was diese für sich in Anspruch nahm: den Mut, einen untreuen Mann zu verlassen, den Vater ihrer Kinder. Ida sah ihr Dilemma vielleicht. Aber sie vermochte es nicht zu lösen.
So viel sei verraten, mehr noch nicht.
Beim Schreiben wird für mich immer deutlicher, wie tief transgenerationale Traumata reichen können. Wie sehr wir Vorstellungen verhaftet bleiben, die wir mitbekommen haben. Und wie lange sie in uns wirken, selbst wenn wir glauben, uns längst von ihnen gelöst zu haben.
Vielleicht ist das eine der Bewegungen, die Schreiben für mich ausmacht: hinzusehen. Etwas freizulegen. Und dem, was im Verborgenen weiterwirkt, eine Sprache zu geben.

